Elektrische Ultraleichtflugzeuge: Zukunft des UL-Fliegens?

 

Elektrische Ultraleichtflugzeuge: Zukunft des UL-Fliegens?

Elektrisch fliegen – das klang lange wie eine Randnotiz aus futuristischen Laboren. Heute stehen jedoch echte Prototypen auf dem Vorfeld, mit Kennzeichen, Zulassungen und einem Summen, das weniger aggressiv klingt als ein Rasenmäher. Und ja: Einige dieser Maschinen haben bereits die UL-Welt erreicht. Die Frage lautet also nicht mehr ob, sondern wann elektrische Ultraleichtflugzeuge im Mainstream ankommen.

Ich habe mir die Entwicklung der letzten Jahre genauer angesehen – samt Geschichte, Technik, Zahlenmaterial und einer Portion persönlicher Eindrücke. Am Ende gibt’s eine ausführliche FAQ-Sektion.


Ein kurzer Blick zurück: Die ersten Schritte der elektrischen Luftfahrt

Die Idee, Flugzeuge elektrisch anzutreiben, ist erstaunlich alt. Bereits 1883 tüftelte der Franzose Gustave Trouvé an einem elektrisch angetriebenen Modellflugzeug. Richtig los ging’s aber erst um 1973: Die Militäringenieure Fred Militky und Heino Brditschka bauten mit der MB-E1 das erste bemannte Elektroflugzeug, das tatsächlich abhob. Flugzeit damals: knapp 14 Minuten. Reichweite: lächerlich gering. Aber es flog – und das war ein entscheidender Punkt.

Danach passierte lange wenig. Zu schwer, zu ineffizient, zu geringe Energiedichte der Akkus. Die klassische UL-Szene schaute ebenfalls eher skeptisch zu.

Erst ab etwa 2010 beschleunigte sich alles. Lithium-Ionen-Akkus wurden leichter, sicherer und leistungsstärker. Hersteller wie Pipistrel, Siemens, Airbus oder Bye Aerospace witterten neue Möglichkeiten. Besonders Pipistrel setzte 2015 mit dem WattFlyer und später mit der Velis Electro Zeichen in Richtung realistischer Nutzung. Letztere erhielt 2020 als erstes Elektroflugzeug weltweit eine EASA-Zulassung – ein Meilenstein, auch wenn sie „nur“ in der E-Klasse zugelassen wurde, nicht im UL-Segment.

Im UL-Bereich folgten kleinere Hersteller wie Elektra Solar, Yuneec oder Pc-Aero, die sehr leichte und effiziente Flugzeuge entwickelten, teils mit Solartechnik kombiniert.


Technologischer Stand: Wo stehen elektrische ULs heute?

Elektrische ULs sind in gewisser Weise wie moderne E-Bikes: technisch ausgereift, aber noch mit einigen Grenzen. Fassen wir die aktuelle Lage mit ein paar klaren Fakten zusammen.

1. Reichweite und Flugzeit

Das große Thema. Ein typisches elektrisches UL hat heute:

  • Flugzeiten zwischen 45 und 90 Minuten

  • Reichweiten von 80 bis 150 km

  • Ladezeiten je nach System 30–120 Minuten

Ein Beispiel: Die Elektra One Solar erreicht unter Idealbedingungen durch Solarsupport sogar bis zu 500–600 km, realistisch aber im Bereich 250–350 km. Das Flugzeug ist allerdings extrem leicht und aerodynamisch ausgelegt, eher Segelflugzeug als klassisches UL.

Viele andere E-ULs liegen noch klar unter dieser Marke. Für Schulungen und Platzrunden reicht’s locker. Für längere Ausflüge wird’s knapper.

2. Geschwindigkeit und Leistung

Elektrische ULs fliegen meist mit:

  • 90–160 km/h Reisegeschwindigkeit

  • Startleistungen um 60–80 kW

  • Steigleistungen 2–4 m/s

Im Vergleich zu konventionellen Rotax-ULs etwas schwächer oder ähnlich – abhängig vom Flugzeugtyp.

3. Betriebskosten

Hier glänzen die E-Flieger:

  • Energiekosten pro Flugstunde: oft nur 2–6 Euro

  • Wartungskosten: deutlich weniger mechanische Bauteile

  • Motorüberholungen: praktisch nicht notwendig

Dafür sind die Batterien teuer. Je nach Modell müssen sie nach 1000–1500 Ladezyklen ausgetauscht werden, Kosten teils 15.000–25.000 Euro. Das kann die Bilanz wieder relativieren.

4. Umweltfaktoren

CO₂-neutral fliegen – zumindest im Betrieb. Batterieproduktion ist ein anderes Thema, aber unterm Strich schneiden E-Antriebe im ökologischen Vergleich gut ab. Und: Sie sind unglaublich leise. Wer einmal neben einem startenden Elektro-UL stand, weiß, wovon ich rede. Es klingt eher wie ein großer Ventilator.


Vorteile und Herausforderungen elektrischer UL-Flugzeuge

Damit es nicht nur nach Technikdaten aussieht, hier die Punkte, über die man in der Praxis wirklich stolpert – positiv wie negativ.

Vorteile

  • Extrem geringe Lärm- und Vibrationsentwicklung

  • Wesentlich weniger laufende Kosten

  • Einfaches Handling (kein Vergaser, kein Choke, kein Warm-Up)

  • Sofort verfügbare Leistung

  • Ideal für Schulung, Platzrunden, lokale Rundflüge

  • Umweltfreundlich im Betrieb

Nachteile

  • Reichweite bleibt die größte Hürde

  • Batterien teuer und begrenzte Lebensdauer

  • Ladestationen auf Flugplätzen noch nicht flächendeckend

  • UL-Regularien bremsen teilweise Innovation

  • Winterbetrieb kritisch (Temperatur → Akkukapazität)


Sind elektrische ULs die Zukunft?

Kurz gesagt: Ja – aber nicht sofort.

Der Trend ist klar. Die Politik drängt zu emissionsärmeren Mobilitätskonzepten, und besonders in der Freizeitfliegerei wächst der Druck, Lärm zu reduzieren. Für Flugschulen ist ein leiser und günstiger E-Flieger ein echtes Argument.

Was fehlt?
Ein großer Sprung bei der Energiedichte. Lithium-Ionen ist nahe am Limit. Erst Solid-State-Akkus oder alternative Energiespeicherung wie Wasserstoff-Brennstoffzellen könnten elektrische ULs für längere Strecken praktikabel machen.

Viele Experten rechnen mit relevanten Durchbrüchen zwischen 2028 und 2035. Ob das so eintritt, bleibt abzuwarten, aber der Kurs ist klar.


Persönliche Eindrücke aus Probeflügen und Gesprächen

Ich durfte zwei elektrische ULs selbst fliegen bzw. als Passagier erleben. Beide Erlebnisse hatten eines gemeinsam: Dieses fast absurde Fehlen von Motorvibrationen. Beim Start drückst du den Schub rein und es passiert… erstmal nichts Dramatisches. Kein Aufheulen. Kein Ruck. Nur Schub. Das Flugzeug beschleunigt sauber wie ein Zug an der Haltestelle. Fast steril – im positiven Sinn.

Was mir auffiel:
Die Leistungsabgabe ist sofort da. Kein Zögern, kein Nachregeln. Wenn man Leistung braucht, bekommt man sie auf den Punkt. Das fühlt sich beim Go-Around tatsächlich komfortabel an.

Aber ich habe auch die Kehrseite gespürt. Die ständige Blick-Kontrolle auf die verbleibende Flugzeit hat etwas Unentspanntes. Man plant konservativer, kalkuliert strenger. Reichweitenangst im UL? Ja, ein bisschen.

Und die Preise bleiben hoch. Viele Piloten warten lieber noch, statt als Early Adopter zu investieren.

Trotzdem: Der „Aha“-Moment beim ersten Start hat mich gepackt.


FAQ – Häufige Fragen zu elektrischen Ultraleichtflugzeugen

Sind elektrische ULs schon alltagstauglich?

Für Flugschulen, Platzrunden und lokale Rundflüge: ja. Für längere Strecken eher bedingt.

Wie lange halten die Batterien?

Typisch 1000–1500 Ladezyklen. Je nach Nutzung 5–8 Jahre.

Wie teuer ist ein elektrisches UL?

Zwischen 100.000 und 180.000 Euro, je nach Hersteller. Tendenz sinkend, aber noch hoch.

Wie laut ist ein elektrisches UL?

Deutlich leiser als ein Verbrenner-UL. Beim Start oft unter 60–65 dB in kurzer Entfernung.

Was passiert bei einem Akku-Brand?

Moderne Akkupacks haben umfangreiche Sicherheitsmechanismen. Thermal Runaway ist selten, aber nicht ausgeschlossen. Viele Hersteller arbeiten mit mehrlagigen Sicherheitsgehäusen.

Kann man elektrische ULs überall laden?

Noch nicht. Manche Flugplätze haben Ladepunkte, viele nicht. Notfalls geht Laden an Starkstrom oder speziellen Mobil-Ladesystemen, dauert aber länger.

Wie stehen Versicherungen dazu?

In der Regel problemlos. Preise liegen ähnlich wie bei Verbrenner-ULs.

Was sagen die Zulassungsstellen?

Deutschland ist eher vorsichtig. UL-Elektroflugzeuge bekommen oft Sonderzulassungen oder Einzelgenehmigungen. Die Regulierung wird aber laufend angepasst.


Fazit

Elektrische Ultraleichtflugzeuge sind keine Zukunftsmusik mehr, aber auch noch nicht der heilige Gral des Fliegens. Wer lokal unterwegs ist oder Flugschüler ausbildet, bekommt ein neuartiges, ruhiges und erstaunlich effizientes Flugerlebnis. Wer große Strecken fliegen will, wartet noch etwas ab.

Der Wandel kommt – nur eben nicht im Sprint, sondern mit sauberem, leisem Summen.


Labels: 

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Meta-Beschreibung:

Elektrische Ultraleichtflugzeuge im Realitätscheck: Geschichte, Technik, Reichweiten, Kosten, Vorteile und Grenzen. Mit persönlichen Eindrücken, Zahlen, Fakten und ausführlicher FAQ.

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